Einhaltung der AHA+L-Regel scheitert am Präventionsparadox

Vom sogenannten Präventionsparadox sprach erstmals Anfang der 1980er Jahre der Epidemiologe Geoffrey Rose. Er beschrieb damals ein grundlegendes Dilemma bevölkerungs- und risikogruppenbezogener Krankheitsprävention, nämlich wenn der Erfolg der Maßnahmen ihre Notwendigkeit infrage stellt.

„In der aktuellen Pandemie kämpfen wir mit diesem Präventionsparadox“, ist sich Alexandra Nohl, Landtagskandidatin für den Wahlkreis Bruchsal (29) sicher. Die 45-jährige Konrektorin einer Grundschule, hörte sich am vergangenen Samstag die Querdenker-Kundgebung, initiiert von der Initiative „Aufbruch Bruchsal“ an. Das „Bündnis für Menschlichkeit“, hat sich bewusst gegen eine Gegendemo entschieden, weil die Gesundheit vor geht.

„Ich bin Lehrerin und unterrichte Grundschüler. Wenn mir in meiner Heimatstadt Plakate begegnen, auf denen ein Kind abgebildet ist und darüber prangt der Slogan ‚Lasst uns wieder frei atmen‘ in Bezug auf die Pandemie fühle ich mich aufgefordert zu handeln“, so Nohl. Selbstverständlich mache sie sich Sorgen. Menschen, die ihre eigene Freiheit über die Bedürfnisse anderer Menschen stellen, behaupten unpolitisch zu sein und gleichzeitig die Regierung abschaffen wollen sind eine ernstzunehmende Gefahr für unsere Gesellschaft. Bei der Kundgebung wurde dies offensichtlich.

„Den Staat trifft eine Pflicht zum Handeln aus Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG zum Schutz von Gesundheit und Leben. Zur Erfüllung dieser Pflicht ergriffen der Bund und die Landesregierungen umfangreiche Schutzmaßnahmen, die eine unkontrollierte Weiterverbreitung des Corona-Virus verhindern sollen“, erklärt die SPD-Landtagskandidatin. Auch sie findet die Auflagen belastend. „Meine Brille beschlägt, ich darf meine Eltern nicht umarmen, die Unterrichtsräume kühlen durch das regelmäßige Lüften ab und ich friere.“ Dies seien im Vergleich zu den Schwierigkeiten, die in Pflegeeinrichtungen, auf Intensivstationen und Krankenhäusern vorherrschten jedoch minimale Probleme, noch dazu zeitlich begrenzt.

Die Bruchsaler Protestteilnehmer waren gegen solche Argumente immun. Ein hohes Misstrauen gegen Menschen und Institutionen und der Glaube, angelogen zu werden, heiligten als Zweck die Mittel. „Missachtung der Abstandsregeln, kein Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung machen die Querdenker-Demos zu einem Superspreading-Event“, verurteilt Alexandra Nohl das unverantwortliche Verhalten der Corona-Maßnahmen-Kritiker am Samstag. Die Feststellung eines Querdenker-Redners, man sei die „freiheitlich-demokratische-Grundordnung“ entbehrt der Realität. „Wenn die Polizei einschreiten muss, um einen Sprecher aufzufordern, Provokationen gegenüber einer Privatperson aus dem Lager des Bündnisses zu unterlassen, ist das nicht freiheitlich-demokratisch, sondern Narzissmus pur“, erzählt sie das Erlebte. „Das nennt Frank Kampa, der Versammlungsleiter, Bürgerdialog“, ergänzt Eberhard Schneider, „wenn er angekündigt, dass die Redner nicht namentlich genannt werden, um ihnen Repressalien zu ersparen.“ Außerdem war vom offenen Bürgermikrofon keine Rede mehr, denn die Rednerliste der Veranstalter war lang und im vorgegebenem Zeitfenster wohl nicht vorgesehen, andere sprechen zu lassen.

Die Veranstaltung am Samstag bestärkte die Landtagskandidatin in ihrem Kampf gegen Rechtsextremismus. „Da grölen und applaudieren zustimmend Gruppen der AfD, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Nazis, Querdenker, Mitglieder „Eltern für Aufklärung und Freiheit“ in trautem Gleichklang, wenn von ‚Terror gegen die Bevölkerung‘ und ‚staatlich verordnetem Kindesmissbrauch erzählt wird“, sagt Nohl fassungslos. Kritisches Hinterfragen sei wichtig. Paranoides Misstrauen zu dessen Zwecke auch noch der eigene Nachwuchs ausgenutzt wird ist getrieben von Angst und Hass.

Bildquelle: Alexandra Nohl